[Bericht] Wir sind Sprachparty!

Prosanova zum Zweiten. In Hildesheim steigt das Festival für junge Literatur. Neben Poetry Slam und Performance Art bildet Melissa Logans Konzert eines der Abendprogramme, »Nachtblende« oder »Krachgut« heißt das bei Prosanova.

Ersterschienen in der Frankfurter Rundschau, 27.5.2008

Die Rentnersandale geht einfach darüber hinweg. Von der Kreideschrift scheint hier in Hildesheim kaum einer Kenntnis zu nehmen. »Prosanova 22. bis 25. Mai« ist da zu lesen; oder »Festival für junge Literatur«. Und immer wieder Namen. Sämtliche Namen der angereisten Künstler. Das Pflaster, unter dem vorherige Generationen den Strand wähnten, haben fleißige Hände in ein Werbebanner verwandelt; ein flüchtiger Walk of Fame.

So tritt man kurz auf “Christian Kracht”, der hier über »Pop und Position« debattierte; ein paar Meter weiter entziffert man »Marcel Beyer«, der die mehr biographische als politische Runde zu »Politik und Position« bestritt; oder man stolpert über »Melissa Logan« von der Electropunk-Band »Chicks on Speed«. Neben Poetry Slam und Performance Art bildete Logans Konzert eines der Abendprogramme, »Funkenflug«, »Nachtblende« oder »Krachgut« hieß das bei Prosanova. Junge Literatur ist eben auch Sprachparty.

Irgendwann hätten sie einfach keinen Eintritt mehr verlangt, erzählt am Tag nach Logans Konzert Martin Bruch, Mitherausgeber der Zeitschrift »Bella triste« und einer der Kuratoren des Festivals. Zu groß der Andrang. Das Festivalgelände, eine überwucherte, teils schon abgerissene Industrie-Ruine, von »60 Studierenden in 6 Wochen« so lange herausgeputzt, bis sie mit ihren Lounges, Bars und Bühnen aussah, als wäre hier immer schon das literarische Leben gefeiert worden – dieses Festivalgelände war ohnehin das ganz große Ding.

Dabei bestritt Prosanova auch das Kerngeschäft jedes Literaturfestivals – Gespräch und Lesung – mit Bravour. Ein »Ausflug« etwa bot unter dem Namen »Höhenlinien« zahlreiche »Lesungsinseln«. Hoch oben am Hang, im helllichten Garten einer Villa, aus deren Backsteingotik der fröhlichste Historismus lachte, wurde zum Picknick gebeten. Auf Decken lagernd, umringt von prallbunten Blumen lasen Schreibschüler aus Leipzig, Hildesheim und Biel ihre Texte. Die waren mal grandios, mal ausbaufähig, doch allesamt beseelt von einem angenehm unprätentiösen, fast idyllischen Willen zur Literatur. Wie aus der Zeit gekickt ruhte man dort und vergaß beinahe, dass der Markt auf Dauer nur zwei Bewegungen kennt: raus oder nach oben.

Ganz oben fand dann der zweite Teil der »Höhenlinien« statt. Noch einige Meter den Hang hinauf, im noblen Parkhotel Berghölzchen, traf Ulf Stolterfoht auf den redseligen Hanns-Josef Ortheil. Und während vor den Türen eine Hochzeitsgesellschaft die Champagnerkorken knallen ließ, sorgte drinnen Stolterfohts ebenso sprachwuchtiges wie -lustiges Poem »holzrauch über heslach« dafür, dass auf dem Hildesheimer Olymp tatsächlich die beste Lyrik des Festivals zu hören war.

Über das Stöckchen der poetologischen Reflexion wollte Stolterfoht, so oft Ortheil es ihm auch hinhielt, nur ungern springen. Dabei war die Poetik zum Schwerpunkt des Festivals erkoren worden. Bereits im Februar waren dafür zehn Autoren zu einer Werkstatt geladen. Die daraus resultierenden »Poetiken der Gegenwart«, in einem Buch versammelt, lieferten gleichsam das Thesenpapier zum Festival. Eine heterogene Wunderkammer häufig autobiographisch kolorierter Überlegungen, nicht frei von Germanistenweisheiten, mitunter jedoch scharfsinnig im Zugriff.

Was dem jungen Schriftsteller heute fehle, so führte der spleenige Steffen Popp während der Diskussion an, sei »der Druck der Zeitgeschichte«. »Wir kennen nur kleine Kriege«, stimmte Thomas Pletzinger zu – ob der Rückzug ins kleine Leben damit als Fatum westlicher Wohlstandsliteratur schlicht anzuerkennen sei, blieb als Frage leider im Raum stehen. Ohnehin schien der reflexive Diskurs einigen Autoren eher ausgereizt. Er habe sich »erschöpft im Reden über das Schreiben«, gestand Pletzinger.

Für den Abschluss-Lyrikwettbewerb hatten die Juroren Michael Lentz, Joachim Sartorius und Anja Utler sechs Kandidaten ausgewählt; ein ansprechender Mix von mätzchenreicher Slam-Poetry bis hin zu getragener Versbaukunst. Den 1500 Euro schweren Jurypreis gewann schließlich Andre Rudolph. Anja Utler sah sich von seiner Sprache (»so haltlos in so jungen jahren; die / nervösen bäume rufen ihre blätter // ab, der fluss läßt sich treiben«) in eine »lichte Unruhe« versetzt.

Der von Utler und Sartorius überstimmte und darob sichtlich erzürnte Michael Lentz sah das anders: Dagmara Kraus’ komplexe Fachsprachverkettungen, hochmelodiös und mit präzisen Tempowechseln vorgetragen; diese auszuzeichnen, so Lentz, »wäre ein echtes Wagnis gewesen und gut für die Poesie«. Schließlich war es das Publikum, das dieses Wagnis einging und seinen Preis an eben jene Dagmara Kraus vergab. Dass avantgardistische Lyrik am Publikum vorbei geschrieben wird, sollte damit empirisch widerlegt sein.

Allerdings, die kreidenen Namen des Hildesheimer Walk of Fame waren am letzten Festivaltag, nach einem leichten Regenschauer, so gut wie verblichen.

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