Genrepoetik : Vorlesungsankündigung

Titel: doing genre. Einführung in die Gattungstheorie und -geschichte
Termine: Wintersemester 2014/15, mittwochs, 14 bis 16 Uhr, ab 22. Oktober 2014


Kommentartext

Bereits in der Schule erzählt man uns die Lehre von der Gattungstrias ›Epik – Lyrik – Dramatik‹. Später, in den neugermanistischen Einführungskursen der Universität, vertiefen wir die Kenntnis der gattungsbezogenen Analysemethoden, lernen Narratologie, Gedichtanalyse, Dramenanalyse. Noch etwas später fangen wir an, Hausarbeiten, womöglich Aufsätze zu schreiben, nicht selten ganz gezielt zu epischen, zu lyrischen, zu dramatischen Werken. Und spätestens dann sollten wir anfangen, uns zu fragen, warum eigentlich stets von dieser geradezu märchenhaften Dreizahl ausgegangen wird? Wie selbstverständlich ist es eigentlich, dass wir scheinbar intuitiv von drei Gattungen ausgehen, von ihnen sprechen, mit ihnen argumentieren?

Die hier angekündigte Vorlesung will der heute so selbstverständlichen Gattungstrias aus systematischer und historischer Perspektive auf den Grund gehen und ihr etwas von ihrer (historisch ohnehin höchst fragwürdigen) Selbstverständlichkeit nehmen. Dabei soll – u.a. in Anlehnung an Teile der Performanz- und Genderforschung und deren Theoreme des doing und des undoing gender – davon ausgegangen werden, dass Gattungen nicht einfach gegeben sind, sondern gemacht werden: von Dichterinnen und Poetologen, von Literaturtheoretikerinnen und Literaturhistorikern, von Kritikern, Verlegerinnen, Buchhändlern, Bibliothekarinnen – und nicht zuletzt von den Leserinnen und Lesern. Gattungen in diesem Sinne als Effekte sozialer Konstruktions- und Aushandlungsprozesse zu begreifen, bedeutet dann auch, nach den Interessen zu fragen, die hinter den Gattungsordnungen der Literaturwissenschaft, des Literaturjournalismus und der Literatur stehen. Was für Interessen, so wird entsprechend zu fragen sein, haben an der Etablierung der Gattungstrias mitgewirkt oder sie doch zumindest begünstigt?

Die Vorlesung wird zunächst und grundlegend in aktuelle Konzepte der Gattungstheorie und der Gattungsgeschichtsschreibung einführen. Sie wird sich darüber hinaus den Hinterfragungen der Gattungstheorie und der Gattungstrias widmen, die etwa aus Richtung der dekonstruktivistischen Philosophie oder aus Richtung der Populärkulturforschung formuliert wurden. Aufbauend auf diesem vornehmlich theoretischen Überlegungen werden Grundzüge der Gattungsgeschichte – teils in Form von Fallstudien – in den Blick genommen, wobei, nach einigen Ausführungen zur Antikerezeption, der Schwerpunkt auf den generischen Ordnungen in der deutschen Literatur des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts liegen wird. Dabei wird sich unter anderem zeigen, dass einige wichtige Schritte bei der Herausbildung der ›klassischen‹ Gattungstrias nicht etwa in Weimar, sondern erstaunlicherweise in Göttingen gemacht wurden.

Ausführliche und weiterführende Materialien zur Vorlesung werden ab Anfang des Wintersemesters in Stud.IP sowie auf dem Blog www.genrepoetik.de zur Verfügung gestellt. Kurzweiligere Inhalte (u.a. Clips, Zitate, Links etc.), die sich z.B. auch der Gattungsvielfalt im gegenwärtigen Literaturbetrieb und im World Wide Web widmen, werden bereits in den kommenden Wochen auf einer die Vorlesung flankierenden Facebook-Seite zu finden sein: https://www.facebook.com/genrepoetik – weitere Social Media-Aktivitäten sowie die Bereitstellung von Ton- und Bildmaterial sind geplant.

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