Lichtenberg-Poetikvorlesungen 2014: Marcel Beyer – Einleitung



Marcel Beyer, Poet


Es war ihm unmöglich die Wörter nicht
in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören

Lichtenberg



Am 12. und 13. November 2014 spricht Marcel Beyer in der Göttinger Universitätsaula am Wilhelmsplatz. Seine »Lichtenberg-Poetikvorlesungen« wurden, würdigend, eingeleitet mit folgenden Worten.

Redemanuskript von Peer Trilcke

Verehrte Damen und Herren, liebe Gäste – und ganz besonders: lieber Marcel Beyer, herzlich willkommen auch im Namen der Universität, herzlich willkommen im Namen des Seminars für Deutsche Philologie.

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»Kann sein« – zwei kleine einsilbige Wörter, die ich bei Marcel Beyer häufig lese: »Kann sein«. Und von Zeit zu Zeit lese ich auch »mag sein«.

»Kann sein«, »mag sein« also. Wer Marcel Beyers Werke, wer seine Romane, Erzählungen und Gedichte, aber auch seine Essays aufmerksam liest: der wird immer wieder auf diese unscheinbaren, partikelartigen Formeln stoßen, an zahlreichen Stellen, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen: »Kann sein«, heißt es in einem Gedicht aus der gerade erschienenen Sammlung Graphit:

[…]. Kann sein, das
habe ich falsch transkribiert. Kann
sein, in meinem Gedächtnis

klafft da eine Lücke. […]

Und im Roman Kaltenburg, um nur ein weiteres Beispiel von unzähligen zu nennen – in Kaltenburg gibt der Ich-Erzähler, zögernd, zu bedenken:

Kann sein, meine Erinnerung fügt eine Reihe von Szenen nahtlos aneinander, die mehrere Monate oder gar Jahre trennen.

»Kann sein«, »mag sein« steht es allerorten bei Marcel Beyer. Aber was soll das, womit hat man es hier zu tun? Mit einem stilistischen, salopp-mündlichen Tick, mit einer dialektalen oder soziolektalen Marotte – oder mit einer Art sprachlichem Zwinkern, einem Zucken?

Ja, schon. Denn was sind diese kleinen Formeln anderes als Signale für ein Zurückzucken, für ein Zögern, Zaudern – Signale für eine ganz kurze Verunsicherung des Aussageaktes.

Ist Marcel Beyer etwa ein verunsicherter Erzähler, ein verunsicherter Autor, Dichter?

Markiert wird mit diesen so unscheinbaren Partikeln in der Tat eine Haltung; eine Sprechhaltung; und damit auch eine Haltung zu dem, über das dort gesprochen wird.

Der hier spricht, so könnte man sagen, ist sich seiner Sache nicht ganz sicher. Er verkündet keine Wahrheiten.

Kein Künder spricht hier, sondern ein tastend Suchender. Jemand der erwägt, der abwägt, der auslotet. Jemand, der sich dabei zugleich in Bereiche des Unverzeichneten vorwagt, mit all den Unschärfen, die dort lauern – und die man auszuhalten hat, wenn man sich dorthin vorwagt.

»Kann sein«, »Mag sein«. Diese Partikel stehen, möglich, auch für Marcel Beyers Eintauchen in die Unschärfen der Welt, des Wissens und der Geschichte, gerade der Geschichte. Denn ganz besonders dort, in den historischen Tiefen und Untiefen, ja in den Unschärfen und Unwägbarkeiten der Geschichte ist er zuhause.

Oder eben gerade nicht zuhause.

Denn Marcel Beyers Gedichte und Romane haben auf eine unerhört neue Weise gezeigt, wie wenig wir doch in der Geschichte wohnen. Eine Objektivierung dessen, was geschah, ist dem Autor Marcel Beyer jedenfalls fremd. Geht es um die Geschichte, dann müssen wir mit Unschärfen und Unheimlichkeiten aller Art rechnen. Und wir müssen damit rechnen, dass die Geschichte, die wir gerade betrachten, uns selbst bereits bedingt, betrifft. Müssen damit rechnen lernen, dass wir, selbst wenn wir sie vermeintlich objektiv betrachten wollen, selbst bereits in die Geschichte verstrickt sind.

Auf, zugestanden, prosaische Weise umrissen ist damit das Erzählprogramm der letzten drei Romane von Marcel Beyer, einer Art Trilogie, die 1995 ihren Auftakt nahm mit Flughunde, die sich im Jahr 2000 fortsetze mit Spione und deren, vorerst, letzter Teil 2008 erschien, unter dem Titel Kaltenburg. Drei Romane, die man allesamt als ›Historische Romane‹ bezeichnen könnte – jedenfalls in jenen guten alten Zeiten, in denen Walter Scott noch geholfen hat. Aber diese Zeiten sind vorbei; an das ›Gute Alte‹ glauben wir, in unserem guten Glauben zerrüttet von den Totalitarismen und Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts, schon lange nicht mehr.

Eben diese Totalitarismen, eben diese Massenvernichtungen und die mit ihnen einhergehenden Regime der Angst umkreisen die drei letzten Romane Marcel Beyers. Sie umkreisen sie in der Tat, tasten sie ab, lassen sich von ihnen verunsichern; suchen das Unverzeichnete, belichten die Unschärfen. Denn so sehr Marcel Beyer auch der deutschen Gegenwartsliteratur eine historische und dabei entschieden auch eine politische Perspektive zurückerobert hat. So sehr hat er sich von den Deutungssicherheiten einer Generation verabschiedet, die er in seinem Essay Über eine Haltung des Hörens als ›Antwortgeneration‹ bezeichnet hat. Nein, nicht um Antworten geht es Marcel Beyer, sondern um das Nach- und Weiterfragen. Und um das genaue Hinhören.

»Kann sein«, »mag sein«: Über Geschichte zu sprechen, das bedeutet hier und heute also mit den Unschärfen, mit Unsicherheiten rechnen zu müssen. Und es bedeutet, sich der Medialität von Geschichte bewusst zu werden. Samt der eigenen Art, über Geschichte zu meditieren.

Als Meditationen in historischer Medialität könnte man denn auch die drei Romane, könnte man denn auch Flughunde, Spione, Kaltenburg bezeichnen. Als Meditationen über die Medialität der menschlichen Stimme, die Medialität von Fotos, die Medialität der Erinnerung.

Nehmen wir zum Beispiel Flughunde, den Roman von 1995. Flughunde liefert, vermittelt durch zwei Perspektiven, Einblicke in die Abgründe der nationalsozialistischen Diktatur. Die erste Perspektive folgt dabei, ganz unmittelbar, dem Denken und Wahrnehmen von Hermann Karnau, einem Akustiker, der sich mehr und mehr der technologischen Innovationsmaschinerie der Nazis unterwirft – und der sich schließlich, scheinbar ganz aus wissenschaftlichem Interesse, verstrickt in Menschenexperimente; in Folterungen, in die tiefste Barbarei.

All das, diese ganze Nazitechniker-Perspektive, wird in Flughunde geradezu rekorder-artig dokumentiert; eine objektivierende Erzählstimme fehlt. Und sie fehlt auch bei der zweiten Perspektive, mit der wir der ältesten Tochter des NS-Propagandaministers folgen: von Besuchen auf dem Obersalzberg über die Sportpalastrede bis hinunter in den Führerbunker und fast in den Tod, der sie dort erfasst, hören wir ihren inneren Monolog. Auch diese Perspektive von Helga Goebbels bleibt, wie die des Akustikers Karnau, in Flughunde erzähltechnisch ungebrochen. Es gibt keine objektivierende, es gibt auch keine moralisierende Instanz in diesem Roman, der lediglich zwei historische Stimmen montiert – und uns als Leser mit allen Unschärfen, Unsicherheiten, Fragwürdigkeiten der Geschichte, dieser Geschichten allein lässt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, nehmen wir Kaltenburg, den Roman von 2008. Erzählt wird hier die Geschichte des Ornithologen und Verhaltensforschers Ludwig Kaltenburg; eine undurchsichtige Figur, auch sie verstrickt, irgendwie, in den Nationalsozialismus und darüber hinaus zumindest für einige Zeit auf gutem Fuß mit dem sozialistischen Regime der DDR. Doch auch hier vermeidet Marcel Beyer sehr und ganz bewusst die Mechanismen des klassisch historischen Erzählens, der vermeintlich objektiven Rekonstruktion: Kein olympischer Erzähler ist es, der uns da die Wissenschaftler-Vita Ludwig Kaltenburgs präsentiert. Sondern ein historischer Nobody, eine Figur namens Hermann Funk, ein zeitweiliger Assistent und vor allem Ziehsohn des großen Forschers. Diese Nebenfigur ist es, die in einer ebenso fragmentarisierten wie sprunghaften Erinnerungsarbeit den bedeutenden Wissenschaftler Ludwig Kaltenburg zu begreifen versucht.

Damit aber wird dieser Nobody Hermann Funke zum eigentlichen Helden der Geschichte – auch wenn wir es, gewiss, mit einer Geschichte zu tun haben, die an Helden nicht mehr zu glauben vermag; einer Geschichte von unten, die keine Helden, sondern nur mehr Zeugen kennt; nicht selten Zeugen der Zerstörung und der Vernichtung. So ein Zeuge der Zerstörung, und: ein zerstörter Zeuge ist dieser Nobody Hermann Funk, der einst, als Flüchtling auf der Durchreise, die Flächenbombardements auf Dresden im Februar 1945 miterlebte – und der dabei seine Eltern, seine Welt und große Teile seiner Erinnerung verlor. Es ist dieser traumatisierte Zeuge, den Beyer zum Erzählmedium von Kaltenburg gemacht und den er damit zugleich, dem Titel des Romans zum Trotz, heimlich in den Vordergrund der Erzählung gestellt hat. Einer Erzählung, die gebrochen ist durch das Trauma der Lebensgeschichte desjenigen, der sie erzählt.

Historische Medialität, in beiden Fällen, in Flughunde wie in Kaltenburg. Die aufgezeichnete Stimme im einen, die menschliche Erinnerung im anderen Fall. In Spione, dem dritten Roman der Reihe, werden die Unsicherheiten der Photographie verzeichnet.

Marcel Beyers Romane sind, Sie merken es, zugleich Reflektionen. Sie erzählen nicht nur eine Geschichte; sie arrangieren, inszenieren, befragen und verunsichern zugleich, sagen wir, philosophische oder auch wissenschaftliche Theoreme, Theorien. Ohne weiteres denkbar ist etwa, um ein Beispiel aus der universitären Praxis zu nehmen, dass mir jemand eine Hausarbeit vorschlägt mit dem Thema ›Marcel Beyers Roman Flughunde und Foucaults Konzept der Biopolitik‹; oder mit dem Thema ›Marcel Beyers Roman Kaltenburg vor dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Erinnerungskonzepte‹.

Marcel Beyers Texte geben das her, sicherlich, und das macht sie für die Wissenschaft auch in gewisser Weise besonders interessant. Was sie jedoch poetisch macht, das ist etwas anderes.

Und, ja, wir dürfen das heute sagen: Marcel Beyers Texte sind poetisch. Marcel Beyer ist nicht nur ein elaborierter Theoretiker, ein sorgsamer Historiker und ein gewitzter Erzähler, sondern und vor allem auch ein Poet. Ja, angesichts einer Poetikvorlesung darf man es so sagen: Marcel Beyer ist ein Poet. Deshalb ist er heute hier.

Und eben weil Marcel Beyer ein Poet ist, geht sein Werk nicht in den elaboriertesten Theorien auf; es übersteigt diese Theorien, stellt sie erzählend und dichtend auf die Probe, prüft sie auf ihre eigenen Unsicherheiten, Unschärfen, konfrontiert sie mit dem Konkreten, mit Geschichte und Geschichten, mit Figuren, Szenen und Bildern. Und Marcel Beyers Werk tut dies mit einem nie selbst verliebten, aber einem doch unbedingten Stilwillen; einem Stilwillen, der sich speist aus den zahlreichen Traditionen der Sprache und des Sprechens und der diesen Traditionen eine eigene Wendung verleiht, einen eigenen Stil gibt – sie jedenfalls zu einem eigenen, genuin poetischen Stil kombiniert.

Dass Marcel Beyer in diesem Sinne ein großer poetischer Kombinierer ist, zeigt sich auch, wenn man sich anschaut, was er in diesem Jahr geschafft hat. Tatsächlich ist es ihm nämlich gelungen, sowohl den etwas schrägen deutschen Klassiker Heinrich von Kleist als auch den experimentellen Laut- und Sprechkünstler Oskar Pastior auf seinen Namen zu vereinen. Oder anders gesagt: Marcel Beyer ist, und als solchen begrüßen wir ihn heute; er ist Kleistpreisträger und Oskar-Pastior-Preisträger 2014.

Chapeau, Hut ab, das ist eine Kombination, eine Konstellation, einem Poeten würdig.

Aber Marcel Beyer ist noch in einem anderen Sinne poetisch, in einem Göttinger Sinne, könnte man sagen. In einem Lichtenberg’schen Sinn.

Lichtenberg, Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), ist einer dieser interdisziplinären Geister, die sich im späteren 18. Jahrhundert im Umfeld der noch jungen, sehr engagierten und ebenso renommierten Göttinger Universität angesiedelt hatten. Ein Physiker, heißt es ab und an, ein Natur- oder Experimentalwissenschaftler, könnte man auch sagen; oder: ein Denker, ein Schriftsteller, ein Kommentator, ein Essayist und Aphoristiker.

Von Lichtenberg stammt eine Notiz, die er in eines seiner Sudelbücher schrieb. Und es ist nicht zuletzt diese Notiz, die für uns Grund war, diese traditionsreiche Göttinger Poetikvorlesung unter den Namen ›Lichtenberg-Vorlesung‹ zu stellen.

Denn Lichtenberg schreibt, ich zitiere:

Es war ihm unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.

Man liest es besser zweimal:

Es war ihm unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.

Und ist das nicht tatsächlich der Kern des Poetischen: die Wörter im Besitz ihrer Bedeutung stören, Unruhe in die Wörter, in die Bedeutungen zu bringen? Die Beziehung zwischen Wörtern und Bedeutung zu befragen, zu verunsichern – eben zu stören, auch zu verstören?

In jedem Fall hat Lichtenberg, vor weit über zweihundert Jahren, mit seiner Notiz Wesentliches über Marcel Beyers Dichtung gesagt, die eben auch eine große, nicht selten verstörende Arbeit an der Sprache ist. Der »Impuls zu Schreiben« entstehe für ihn »überhaupt erst da«, schreibt er in einem Essay,

wo die Begriffe nicht mehr feststehen, nicht mehr fraglos ein- oder ausgeblendet sind, wo etwas brüchig wird, wo ich noch etwas anderes hören möchte, als ich bislang vernehmen kann.

Es ist unserem Poetikdozenten:

[…] unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.

Und das ist eine gute, das ist eine sehr gute Nachricht. Für die Literatur, für die Poesie – und für uns, die wir uns sogleich von Marcel Beyer in unserem Wörter- und Bedeutungsbesitz stören lassen dürfen.

Dass das im Rahmen dieser Poetikvorlesung geschehen kann, verdanken wir, dies zum Schluss, sehr vielen Helfern, Unterstützern, Förderern. Wir verdanken es der großzügigen Förderung durch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und durch die Stiftung Niedersachsen; wir verdanken es der Unterstützung durch den Wallstein Verlag.

Und wir verdanken es, vor allem, Heinz Ludwig Arnold, der diese Poetikvorlesung vor langer Zeit initiiert und sie über Jahre hinweg sorgsam kuratiert hat. In Gedanken und in Gedenken an Lutz Arnold, der vor drei Jahren verstarb, setzen wir diese Tradition heute fort.

Mit Lichtenberg im Namen – und mit einem echten Poeten auf dem Podium.

Werter Marcel Beyer, wir freuen uns, dass Sie hier sind.

Die Göttinger Poetikvorlesungen wurden von Heinz Ludwig Arnold begründet. Sie werden jährlich vom Literarischen Zentrum Göttingen und dem Seminar für Deutsche Philologie ausgerichtet und vom Georg-Holtzbrinck-Verlag und der Stiftung Niedersachen gefördert.

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