[Rezension] Keiner von uns ist der Richtige

Wie Hans Magnus Enzensberger in seinem neuen Gedichtband noch einmal alle seine bekannten Rollen durchspielt und schließlich doch eine gute Dosis bewusstseinsschärfender Mittel verabreicht.

Ersterschienen in Literaturen 06/2009

«Alles wie immer»: nur «die gewohnte Tragikomödie». Nein, neu erfunden hat sich Hans Magnus Enzensberger mit seinem jüngsten Gedichtband «Rebus» nicht. Eine irgendwie auch beruhigende Nachricht bei diesem steten Gestaltwandler, zu dessen mehr selbst- als fremdgestricktem Image seit Jahren ein ominöser Zickzack-Kurs gehört. Und wozu denn auch alles neu erfinden, eigentlich ist ja eh schon seit Urzeiten alles gesagt: «Wie schon gesagt, / Prediger 1,2 / alles ganz eitel.» Nur manchmal, nachts, holt sie ihn noch ein, die alte Wut, «hinterrücks», doch im Allgemeinen gilt: «Nein, ich lasse mich nicht provozieren, / ich rege mich, verdammt noch mal, / nicht mehr auf über euch, / denn ihr könnt mich mal.»

Das kennen wir von Enzensberger. Alles nur eine Rolle, und wer darauf reinfällt – selbst schuld. Authentizität? Ein Sprachspiel, das auch anders gespielt werden könnte: «Keiner von uns / ist der Richtige», jeder von uns «nur / sein Bauchredner, sein Double, / ein Hochstapler, eine Kopie», wie es im Gedicht «Stellvertreter» heißt. Aber auch dieses Gedicht «steht natürlich / nur an der Stelle des richtigen, / das noch auf sich warten läßt».

Natürlich. Wer noch auf die gute alte Wahrheit hofft, auf absolute Standpunkte, den alles erfassenden Blick, der geht bei diesem Dichter leer aus. Enzensberger bleibt der widerwillige Fürsprecher des Wirkli­chen, als der er seit seinen ungezählten Absagen an «Alles Mögliche» reüssiert. Aber auch das sagt er selbst: «Ich bleibe dabei, vorläufig wenigstens, / mache weiter, sogar wider Willen, / obwohl Alles Mögliche unmöglich ist, / und ich lache sogar noch, über euch / und über mich, denn wer sich beklagt, / wehe ihm, der ist schon verloren.» Und während wir uns, diese mahnenden letzten Verse der Sammlung im Ohr, schon klaglos auf der Siegerstraße wähnen, sind wir dem Dichter wieder einmal auf den Leim gegangen. Der aber lacht nur, lacht über uns, über sich, spannt den Regenschirm auf und erhebt sich in die Lüfte: ein «fliegender Robert».

Von wegen nur beobachten

Klänge es nicht wie ein Märchen aus uralten Zeiten, man könnte meinen, mit all den untergejubelten Glaubenssätzen agiere dann doch einer recht tückisch, eben hinterrücks, wider das falsche Bewusstsein – lasst euch nicht verführen! Aber für den Posten des Aufklärers ist Enzensberger, siehe oben, nicht der Richtige. Natürlich nicht. Aus diesen Versen spricht nur einer wie wir, «nur ein Vorübergehender, / der vorübergehend beobachtet, was der Fall ist, / der nur redet (de rebus quae geruntur), / und der kaum etwas ausrichtet». Doch das glauben wir dem so ostentativ bescheidenen Passanten nicht. Von wegen nur beobachten, nur reden.

«Rebus» gibt noch einmal das ganze Repertoire Enzensberger’scher Rollen. Der Welt-Beobachter, zugeneigt den Flüchtigkeiten der Natur und des leichten Lebens, ist da ebenso dabei wie der Selbstbeobachter: «Was da unaufhörlich tickt / und feuert, das soll ich sein? / Woher denn. Es ist nur / diese graue Masse da drinnen. / Sie beobachtet mich, / ich beobachte sie. / Wir überraschen einander.» Auch den Wissenschafts­poeten treffen wir wieder. Darüber hinaus haben Auftritte: der Verfasser sozialpsychologischer Miniaturen, der Gedächtnisbewahrer der deutschen Gewaltgeschichte und der Sprachanalytiker der Macht.

Was diese Rollen poetisch zu Werke bringen, ist zwar nur selten richtig neu oder gar frisch; manches Gedicht wirkt eher wie eine historisierende Reminiszenz an die eigene Dichtung, an vergangene Motive oder Techniken. Auch geben sich einige Gedichte allzu schnell mit einer wohlfeilen Pointe zufrieden – nein, bemerkenswert an «Rebus» sind nicht die beiläufigen Gelegenheitsgedichte, ist nicht das Altbekannte und auch nicht das, worauf uns der Dichter als steter Kommentator seiner selbst stößt.

Bemerkenswert ist die Dramaturgie, nach der die Rollen-Figuren auftreten, ist die kompositorische Ordnung des Bandes. Erst durch sie verwandeln sich all die Wiederaufnahmen gleichsam hinter dem Rücken des Lesers in eine Gedankenbewegung: einen Dialog, in den der Leser zunehmend einbezogen, in dem er getäuscht, umgarnt, beleidigt wird.

Zunächst allerdings wird er verführt. Die Exposition des Bandes wird von dem Prosagedicht «Der Maler der Jahreszeiten» dominiert, mit dem Enzensberger an die Poetik des Flüchtigen aus seiner letzten Sammlung «Die Geschichte der Wolken» (2003) anknüpft: Naturlyrik als Fest der Sinne und zugleich als Lobgesang auf die Imagination, hinreißend leichtfertig und verträumt: «Etwas riesenhaft Weißes, das rasch und lautlos aufsteigt ins reine Blau.» Doch kaum wähnt man sich sorglos in der Obhut eines altersmilden Idyllikers, schon gerät die heile Welt aus den Fugen.

Immer mit dabei: Freund Hein

Als Erstes ist es der Tod, der sich einmischt. Worüber auch im ersten Kapitel sinniert wird – über das Gehirn, das Haar, die Elemente – nahezu immer steht Freund Hein am Ende des Gedichts. Der letzte aller Begleiter ist zugleich der beständigste: Wie in einem Totentanz geistert er durch den Gedichtband. Nun zählt dieser unliebsame Gast zur schwierigsten Problemklasse: «2.1.2.2. Es gibt unlösbare Probleme, von denen sich beweisen läßt, daß sie unlösbar sind» – so wird diese Klasse in einer analytisch-philosophischen Persiflage zu Beginn des zweiten Kapitels bezeichnet. Doch nicht diese Probleme interessieren den Dichter, sondern das, was der Mensch trotz und wegen deren Unlösbarkeit so alles anstellt: zumeist allerlei Albernheiten. Da ist etwa der kleine Professor, dem «eine Art digitale Ewigkeit» vorschwebt, oder der «Ratsuchen­­de» zwischen «Aromatherapie, Eheberatung, Diät». Unangenehmer wird es dann schon für den «Zweifler»: «wenn sie sich / zusammenrotten, die Gläubigen, / wird ihm unheimlich zumut».

Am Unheimlichsten sind jedoch «Wir». Stück für Stück hat Enzensberger ein solches Wir zum Wortführer der Gedichte werden lassen. Im letzten großen Kapitel «Ers­te Person Plural» spricht schließlich beinahe jedes Gedicht in deren Namen. In unser Namen? Per Sprachtrick hat Enzensberger den Leser mit ins Gespräch geholt. Mit ihm und an ihm seziert er jene Sprach- und Denkmuster, die das Herdentier Mensch so gefährlich machen: «Wir ihr sie – zum Verwechseln ähnlich, / doch immer gibt’s da die einen / und immer die anderen, und immerzu / führt das zu Mord und Totschlag / oder zumindest zu Mißhelligkeiten.» Ihre Klimax erreicht diese Kulturanalyse in einem weiteren Prosagedicht, dem Kontrapunkt zum idyllischen «Maler der Jahreszeiten». In einem rasanten Wortschwall zerspielt dieses «Selbstgespräch eines Verwirrten» die Freund-Feind-Schemata, mit denen wir die Welt ordnen, dank derer wir uns in der Welt verorten.

Wer mag, bekommt hier also doch eine gut dialektische Dosis bewusstseinsschärfender Mittel verabreicht. Der poetische Suchtfaktor hält sich dabei zwar in Grenzen. Aber wem danach die Sinne stehen, der kann sich ja sorglos «ins reine Blau» verlieren.

Hans Magnus Enzensberger
Rebus. Gedichte
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 120 S., 19,80 €

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