liNa II: Literatursoziologie des Internets

Aufsatz: Ideen zu einer Literatursoziologie des Internets. Über einige Optionen der literaturwissenschaftlichen Internet Studies. Mit einer Blogotop-Analyse, in: Textpraxis 7 (2013), URL: http://www.uni-muenster.de/textpraxis/peer-trilcke-literatursoziologie-des-internets

Abstract: Der Essay skizziert und exemplifiziert die Möglichkeiten einer Literatursoziologie des Internets und plädiert in diesem Zusammenhang für eine Empirisierung der Forschung zu diesem rasant wachsenden, jedoch bisher in seiner Differenziertheit allenfalls oberflächlich beschriebenen Feld der Kommunikation über Literatur. Hierzu werden die literaturwissenschaftlichen Internet Studies und ihr literatursoziologischer Teilbereich innerhalb der allgemeinen Digital Humanities verortet. Als Beispiel für eine in diesem Sinne relational-empirische Literatursoziologie des Internets werden erste Ergebnisse der Analyse eines sog. Bücherblogotops präsentiert, anhand derer sich einige Mechanismen der sekundären literarischen Kommunikation zwar nicht repräsentativ, aber doch exemplarisch diskutieren lassen.

Trilcke - Ideen zu einer Literatursoziologie des Internets - Blogotop

Ideen zu einer Literatursoziologie des Internets

Über einige Optionen der literaturwissenschaftlichen Internet Studies.
Mit einer Blogotop-Analyse


Am Anfang der noch laufenden Forschungen, von denen ich im Folgenden berichten werde, stand ein unbedacht ausgeführter mouse click. Er erfolgte im Bereich der Kundenrezensionen des Versandhändlers Amazon, erfolgte während einer diffus zielgerichteten Suche nach einem Buchgeschenk für eine Verwandte, erfolgte auf der Produktseite eines Buches, das ich nicht kannte, ja von dessen Genre ich zwar schon einmal gehört hatte (eine Rezensentin nannte es ›Urban Fantasy‹, eine andere sprach von ›Romantasy‹), das jedoch in meiner literarischen Welt wie auch in meinem sozialen Umfeld keine, aber auch gar keine Rolle spielte. Mein im Rezensionsbereich dieser Produktseite ausgeführter click brachte mich zum Profil einer Amazon-Rezensentin, die durchaus differenziert, mit bemerkenswert geschultem Gespür für die Mechanismen des Genres und mit sympathischer Emphase für die Literatur und das Lesen eine Empfehlung zu dem Buch verfasst hatte, das ich als Geschenk in Betracht zog. Dort, auf der Profilseite dieser Rezensentin, fand ich weitere Links, darunter einen, der offenbar zur ›privaten‹ Website der Rezensentin führte. Und ich klickte noch einmal, nun schon bedachter, traf auf einen (so die Selbstbezeichnung) ›Bücherblog‹, traf auf weitere, immer weitere Links – und fand mich unerwartet inmitten einer scheinbar grenzenlosen sozialen Sphäre der Kommunikation über Literatur, die mir bis dahin fremd war, von der ich weder aus meiner eigenen Erfahrung noch aus der Forschung wusste.

Es folgten in den nächsten Wochen, Monaten tausende weitere clicks, durch die sich mir ein Kommunikationsraum erschloss, den ich irgendwann in Anlehnung an die Begriffe ›Biosphäre‹ und ›Biotop‹ als ›Blogotop‹ – als kleinen, etwas unscharfen, aber doch unterscheidbaren Bereich innerhalb der großen Blogosphäre – zu bezeichnen und, zumindest teilweise, zu verstehen begann. Bald fing ich an, Forschung zu sichten, fing aber vor allem damit an, Daten zu sammeln und systematisch zu erfassen. An ein Ende gekommen ist diese ›Feldforschung‹ noch nicht, vermutlich noch lange nicht. Doch schon jetzt gibt es erste Ergebnisse, zahlreiche noch unsichere Beobachtungen und unzählige Fragen, die sich mir angesichts dieser für mich – und, wie meine ebenfalls noch andauernden Lektüren vermuten lassen, auch für einen Großteil der literatursoziologischen Forschung – bisher fremden Welt stellen; Beobachtungen und Fragen, über die es sich meines Erachtens nachzudenken lohnt. Denn sie legen nahe, dass es unserer wissenschaftlichen Reflexion über die literarische Öffentlichkeit unter den Bedingungen der digitalen Vernetzung – trotz einiger vielversprechender Ansätze – noch immer, erstens und grundsätzlich, an einer Vorstellung vom Gegenstandsbereich fehlt, dass wir, zweitens, noch keine differenzierte Perspektive (einschließlich entsprechender Begrifflichkeiten) für diesen Gegenstandsbereich entwickelt haben, wobei beides, drittens, ganz wesentlich auch daran liegt, dass es noch an empirischer Grundlagenarbeit mangelt.

Die folgenden Überlegungen und Darstellungen haben angesichts dieser Situation eine recht bescheidene Absicht: Sie wollen zur Diskussion anregen, indem sie – auch wenn im Duktus mitunter apodiktisch – Unfertiges, Unabgeschlossenes präsentieren, eben erste Ideen und vorläufige Beobachtungen, die der Präzisierung und nicht selten der Revision bedürfen. Ihr Ziel haben sie insofern schon dann erreicht, wenn sie vor Augen führen, dass es der weiteren empirischen Erkundung und begrifflich-systematischen Reflexion in jenem Feld bedarf, das man als ›Literatursoziologie des Internets‹ bezeichnen könnte.

[…]

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