Gastvorlesung : »Freiheit!«

vorlesung - freiheit

Vorlesung, gehalten in Göttingen am 16. April 2013 im Rahmen der Vorlesung »Literaturgeschichte II: Vom ›Sturm und Drang‹ zur Romantik« von Professor Heinrich Detering.


I. Einleitung

Das Verlangen und das Streben nach Freiheit ist, wie sie, meine Damen und Herren, wissen, ein Teil jenes Erbes, das uns die europäische Aufklärung hinterlassen hat. Neben der Gleichheit und der Brüderlichkeit war es die liberté, war es die Freiheit, die sich die Französische Revolution auf die Fahnen geschrieben, die die Revolutionäre auf die Barrikaden getrieben hat. Und die Französische Revolution war, zumindest in Teilen, ein Projekt dieser freiheitssuchenden Aufklärung – ein Projekt, auch das wissen Sie, das später in die terreur, in den Terror, in die Hinrichtung, in die Unfreiheit umschlug.

Der Ruf nach Freiheit gehört auch zu den zentralen Charakteristika jener literarischen Strömung, die wir Sturm und Drang nennen. Er ist verbunden mit einem spezifischen, emphatischen Individualitätskonzept, das die Befreiung des Einzelnen von den Fesseln der allzu künstlichen, allzu beschränkenden Gesellschaft anstrebte; und er hängt, im Bereich der Literatur, zusammen mit der sogenannten Genie-Ästhetik. Um beides soll es heute gehen.

Was der Ruf nach Freiheit voraussetzt, das ist das Gefühl, das Empfinden von Unfreiheit. Eines der beeindruckendsten Zeugnisse einer solchen empfundenen, offenbar zutiefst empfundenen Unfreiheit stammt von Jakob Michael Reinhold Lenz. Lenz ist, vielleicht kennen Sie ihn noch nicht – Lenz ist ein zu wenig beachteter Autor, der gleichwohl zu den wichtigen Erneuerern des Dramas und der Dramenästhetik in der Zeit des Sturm und Drang zählt. Zu verdanken hat er dies seinen Dramen, darunter Der neue Menoza und die beiden, das soziale Drama der Moderne vorbereitenden Texte Der Hofmeister und Die Soldaten. Zu verdanken hat er es aber auch einigen grundlegenden dramentheoretischen Schriften, so die Anmerkungen übers Theater und die Selbstrezension zum Neuen Menoza, in denen Lenz das Konzept der Tragikomödie entwickelt. 1774 nun schreibt der damals 23jährige Jakob Michael Reinhold Lenz einen Essay über ein historisches Drama aus der Feder des damals 25jährigen Johann Wolfgang Goethe; das Drama heißt Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand und war Goethes erster durchschlagender, doch keineswegs unumstrittener literarischer Erfolg. Seinen Text zu diesem Drama eröffnet Lenz mit der erwähnten, geradezu bekenntnishaften Rhapsodie über die Unfreiheit des modernen Menschen:

Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot und Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgend ein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren! ohne Ruhm zu melden unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglichkünstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufte nennen besser oder schlimmer hineinpaßt.

Spürbar, bis in die letzte empörte Wendung hinein, ist dies die Schrift eines jungen Bewusstseins, das aufbegehrt gegen das Erwachsenwerden, gegen die sozialisatorische Formung durch die Gesellschaft. Der hier spricht, empfindet offenbar die Unfreiheit des Adoleszenten, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, der diesen Platz eigentlich noch nicht finden will, der jedoch zugleich den Druck verspürt, seinen Platz finden zu müssen – sich einpassen zu müssen in »die große Maschine« Gesellschaft, um zur »kleinen Maschine« zu werden.

Weiterlesen?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *