Digitale LiNa

Digitale Literaturwissenschaftliche Netzwerkanalyse
Aktualisierung – Mai 2015

Wir sind gerade geschäftig auf dem Weg, seit ein paar Monaten nun auch mit Mathias Göbel (SUB Göttingen) im Boot. Bald gibt’s Neues, u.a. dies:


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at work (Dario Kampkaspar, Mathias Göbel, Frank Fischer)




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Aktualisierung und Vortragsankündigung – Frühjahr 2015

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In den letzten Wochen haben Frank Fischer (GCDH Göttingen), Dario Kampkaspar (HAB Wolfenbüttel) und ich wieder an den Daten gesessen: neue Dramen erfasst, neue Visualisierungen erstellt, neue Statistiken berechnet. Präsentieren werden wir die Ergebnisse gleich zweimal in den nächsten Wochen.




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Aktualisierung und Vortragsankündigung – Spätsommer 2014
lessingsdramennetzwerke

Mittlerweile erarbeiten Frank Fischer (GCDH Göttingen), Dario Kampkaspar (HAB Wolfenbüttel) und ich einen computerisierten Datenanalyse- und Datenaufbereitungsablauf: skriptbasiertes Auslesen von Interaktions-Netzwerken aus Dramen im xml-Format, Ausgabe in Listen (.csv); statistische Auswertung (Erhebung basaler netzwerkanalytischer Daten auf graphentheoretischer Grundlage); Visualisierung (automatisiert, igraph-Package). Darüber hinaus diskutieren wir intensiv Aspekte der Korpusgestaltung, insbesondere auch Fragen der TEI-Codierung von Dramen.

Das Projekt ist gerade gut in Bewegung, wir testen, justieren, experimentieren, spielen derzeit mit einigen Programmen auf ein paar hundert xml-Dateien aus dem Textgrid Repository, extrahieren Netzwerkdaten und schauen, wie gut die sind und wie sie sich weiterverarbeiten lassen.

Einen Zwischenstand dieser Bewegung präsentieren wir am Montag, 29. September 2014, auf einem Workshop der BMBF-Nachwuchsgruppe »Computergestützte Gattungsstilistik« von Christof Schöch (mehr hier: Workshop »Computergestützte Gattungsstilistik«, Würzburg, 29.9.2014) ->

Zeit: Montag, 29. September 2014
Ort: Univ. Würzburg, Campus Hubland, Philosophie-Gebäude, Übungsräume 9 und 10.

Dritter Teil: Vortragsprogramm (keine Ameldung erforderlich)

16:30-17:15: Vortrag: “Digitale Netzwerkanalyse dramatischer Texte” (Frank Fischer, GCDH Göttingen; Dario Kampkaspar, HAB Wolfenbüttel; Peer Trilcke, SDP Göttingen)
17:15-18:00: Vortrag: „Kontrastive Visualisierung linguistischer Korpora“ (Peter Frankhauer, IdS Mannheim & Elke Teich, Universität des Saarlands)
18:00-18:15: Pause
18:15-19:15: Abendvortrag: „The Dark Side of Stylometry: False Positives and other Disasters“ (Maciej Eder, Paedagogical University, Krakow)




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Literaturwissenschaftliche Netzwerkanalyse
Aufsatz erschienen – April 2013

Aufsatz: Social Network Analysis (SNA) als Methode einer textempirischen Literaturwissenschaft, in: Philip Ajouri, Katja Mellmann u. Christoph Rauen (Hg.): Empirie in der Literaturwissenschaft, Münster 2013, S. 201-247. PDF des Aufsatzes auf academia.edu.

Götz-Netzwerk

Social Network Analysis (SNA) als Methode einer textempirischen Literaturwissenschaft

Eine Option, die einer an der Entwicklung textempirischer Methoden interessierten Literaturwissenschaft offen steht, ist der Import von Methoden aus jenen Disziplinen, in denen empirische Vorgehensweisen ohnehin im Zentrum des disziplinären Selbstverständnisses stehen, etwa der Psychologie, Teilen der Ethnologie oder einigen Ausprägungen der Linguistik. Von prominenter Stelle wurde nun jüngst ein Methodenimport vorgeschlagen, der sich bei einem kleinen, aber elaborierten Zweig der empirischen Sozialforschung bedient, nämlich bei der Social Network Analysis (SNA), deren Analysetechniken auf literarische Texte angewandt werden sollen.1 Für Franco Moretti, der diesen Vorschlag zwar nicht als erster, aber am prominentesten unterbreitet hat, birgt die literaturwissenschaftliche Netzwerkanalyse (bezeichnen wir sie als ›liNa‹) das Potenzial, die bereits entwickelten, auf »language and style« fokussierten Verfahren der quantitativen Analyse zu ergänzen, um nun auch den »plot« literarischer Texte erfassen zu können.2

Morettis Essay, der durchaus nicht unproblematisch ist,3 ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil er von einem Literaturwissenschaftler verfasst wurde – und nicht, wie ein Großteil gerade der jüngsten Beiträge zu diesem Feld, von einem Informatiker, Physiker, Psychologen oder Linguisten. Hinter dieser Beobachtung steht dabei keineswegs ein Alleinvertretungsanspruch der Literaturwissenschaft für das Territorium der Literatur. Gleichwohl stimmt es einen Literaturwissenschaftler, der von der Relevanz des innerhalb der eigenen Disziplin entwickelten und tradierten Wissens einigermaßen überzeugt ist, doch nachdenklich, wenn eine als Innovation angepriesene Entwicklung, die die analytische Erschließung des eigenen Gegenstandes betrifft, weitgehend ohne Einbezug dieses disziplinären Wissens erfolgt.

Wie Morettis ›Pamphlet‹ ist auch der vorliegende Beitrag ein Versuch, die Entwicklung einer Methode zur Analyse von sozialen Netzwerken in literarischen Texten aus der disziplinären Logik der Literaturwissenschaft heraus zu begleiten. In diesem Sinne haben die folgenden Ausführungen ein- und hinführenden Charakter, gehen dabei jedoch einen anderen Weg als den von Moretti beschrittenen. Denn Morettis Essay, in dessen Zentrum eine interpretative Verwertbarkeitsprüfung der Daten einer Netzwerkanalyse von Shakespeares Hamlet steht, basiert faktisch nur rudimentär auf der in anderen Disziplinen geleisteten Forschung zu sozialen Netzwerken; allenfalls beiläufig zieht er deren Verfahren, Konzepte, Begriffe etc. heran. Stattdessen arbeitet er vornehmlich mit ad hoc-Konzepten, die er offenbar intuitiv angesichts der von ihm und seinen Mitarbeitern erstellten Netzwerkvisualisierungen gebildet hat. Das aber hat kaum noch etwas mit der SNA zu tun.

Demgegenüber versuchen die folgenden Ausführungen eine Vermittlerposition zwischen SNA und deren Einbindung in digital-textempirische Ansätze auf der einen Seite und der ›konventionellen‹ Literaturwissenschaft auf der anderen einzunehmen: Ihr Ziel ist es, sowohl überblicksartig als auch exemplarisch eine Idee dieser Methode zu vermitteln und auf diese Weise jenen disziplinären Aneignungsprozess vorzubereiten, der in meinen Augen eine notwendige Voraussetzung für die Etablierung einer liNa innerhalb der Literaturwissenschaft darstellt. Für unabdingbar halte ich in diesem Zusammenhang eine auch von Literaturwissenschaftlern, die mit der SNA unvertraut sind, nachvollziehbare Vergewisserung darüber, was die SNA eigentlich ist, was für Annahmen ihr zugrunde liegen, wie sie bei ihren Analysen vorgeht, welche Fragestellungen und Erklärungsansätze sie verfolgt usw.

Dementsprechend werde ich in Abschnitt II.1 eine knappe Profilierung der SNA, ihrer Entwicklung, ihrer Strömungen und ihrer Ziele vortragen. Es folgt, in Abschnitt II.2, die Vorstellung einiger zentraler Verfahren, Konzepte, Begriffe etc. der SNA. Ausgehend von dieser (letztlich hermeneutischen) ›Vergewisserung des anderen‹ werde ich in einem knappen und selektiven wissenschaftsgeschichtlichen Rückblick auf Verwandte bzw. Vorläufer der Netzwerkanalyse literarischer Texte eingehen und im Zuge dessen einerseits eine disziplinäre Nische identifizieren, in die sich die liNa meines Erachtens einfügen könnte; andererseits werde ich eine Art ›netzwerkanalytischen Rest‹ im methodischen Werkzeugkasten der heutigen Literaturwissenschaft ausmachen (Abschnitt II.3). An diesen Rest – es handelt sich um die Konfigurationsanalyse dramatischer Texte – werde ich daraufhin anschließen und eine exemplarische Netzwerkanalyse durchführen, die eine Vorstellung von der Vorgehensweise bei solchen Analysen vermitteln soll (Abschnitt III). Nach dieser Methodenpräsentation wird schließlich die avancierte Forschung zur Netzwerkanalyse literarischer Texte resümiert (Abschnitt IV).

Meine Ausführungen richten sich nicht an den ohnehin bereits informierten Netzwerkforscher, sei er nun Soziologe oder Computerlinguist, sondern an den interessierten Literaturwissenschaftler. Auch in Hinblick auf diesen intendierten Rezipienten möchte ich zu Beginn anhand eines Beispiels einige mögliche Einwände und Vorwürfe gegenüber primär quantitativ-textempirischen Methoden wie der liNa aufgreifen – gar nicht so sehr, um diese zu entkräften, sondern um die mitunter durchaus berechtigten Kritikpunkte an derartigen Methoden in die Reflexion des Methodenimports einbinden zu können. Das Beispiel ermöglicht es zudem, en passant einige Begriff und Vorgehensweisen der SNA vorzustellen.

I. »Huh?«, »Duh!«. Vorüberlegungen

In einem polemisch gefärbten Artikel für die New York Times bekannte Kathryn Schulz nach Erscheinen von Morettis Essay, sie habe bei der Lektüre geschwankt

[...] between two reactions: »Huh?« and »Duh!« – sometimes in response to a single sentence. For example, Moretti, quoting a colleague, defines »protagonist« as »the character that minimized the sum of the distances to all other vertices.« Huh? O.K., he means the protagonist is the character with the smallest average degree of separation from the others, »the center of the network.« So guess who’s the protagonist of Hamlet? Right: Hamlet. Duh.4

Zwei vielleicht sogar berechtigte, in jedem Fall aber typische Vorwürfe einer im weitesten Sinne hermeneutisch ausgerichteten (und mir sehr sympathischen) Zunft gegenüber quantitativ-textempirischen Verfahren lassen sich hier beobachten: Umständlichkeit und Befremdlichkeit der Operationalisierung (»Huh?«) sowie Trivialität der Ergebnisse (»Duh!«). Beide Vorbehalte hängen dabei zumeist im Sinne einer Aufwand-Ertrag-Erwägung miteinander zusammen: Nicht-trivialen Ergebnissen gesteht man in der Regel zu, dass sie durch umständlichere Operationalisierungen gewonnen werden. Nun sind, und darauf wäre aus Sicht quantitativer Methoden zu beharren, triviale Ergebnisse keineswegs ›schlechte‹ Ergebnisse; so scheint ja Morettis quantitativ-netzwerkanalytische Bestimmung des Protagonisten in Hamlet ein allgemein konsensfähiges Ergebnis produziert zu haben. Hätte er darüber hinaus mit seiner netzwerkanalytischen Konzeptualisierung des Protagonisten, die er einer Studie über das Netzwerk des Marvel-Universums entnimmt,5 einen Weg gefunden, überzeugend, zuverlässig und vielleicht sogar noch automatisiert den Protagonisten jedes literarischen Textes zu identifizieren, stieße – angesichts des umfassenden Ertrags – womöglich auch die umständliche Operationalisierung auf Akzeptanz. Das alles ist gewiss banal, doch umreißt es eine Rechtfertigungslogik, die sich die Entwicklung der liNa in Form einer immer wieder zu durchlaufenden Prüfschleife zu eigen machen sollten, um nicht Gefahr zu laufen, intradisziplinär in der Irrelevanz zu enden (wie einige der Vorläufer der liNa, aber dazu spaäter).

[…]

Weiterlesen?



  1. Ein anderer, bisher ebenfalls nicht erschlossener Anwendungsbereich von Verfahren der SNA in der Literaturwissenschaft ist die Literatursoziologie (s. dazu z. B. Wouter de Nooy: A Literary Playground. Literary Criticism and Balance Theory, in: Poetics 26 [1999], 385-404). Vorüberlegungen zu einer Verbindung von netzwerkanalytischen Verfahren mit einem feldanalytischen Ansatz im Sinne Bourdieus bei Marina Hennig & Steffen Kohl: Rahmen und Spielräume sozialer Beziehungen. Zum Einfluss des Habitus auf die Herausbildung von Netzwerkstrukturen, Wiesbaden 2011. []
  2. Franco Moretti: Network Theory, Plot Analysis, in: Stanford Literary Lab Pamphlets, Nr. 2 (01.05.2011), http://litlab.stanford.edu/LiteraryLabPamphlet2.pdf, 2. Bei dem Essay handelt es sich um eine längere Version von ders.: Network Theory, Plot Analysis, in: New Left Review 68 (2011), 80-102. Ich zitiere die Online-Fassung. []
  3. Was er in einem Epilog auch selbst eingesteht, vgl. ebd., 11f. []
  4. Kathryn Schulz: Distant Reading, in: New York Times, 26.6.2011, BR14, online unter http://www.nytimes.com/2011/06/26/books/review/the-mechanic-muse-what-is-distant-reading.html [letzter Zugriff: 24.7.2012]. []
  5. Vgl. R. Alberich, J. Miro-Julia & F. Roselló: Marvel Universe Looks Almost Like a Real Social Network, Preprint (11.2.2002), http://arxiv.org/abs/cond-mat/0202174, 9. Die Verfasser sprechen allerdings nicht vom ›Protagonisten‹, sondern lediglich vom ›Zentrum‹ des Netzwerks. []